Rede von Oliver Toth zum 70. Jahrestag des Kriegsendes

Heute, am 08. Mai um 23:01 MEZ, trat vor 70 Jahren die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft, die einen Tag vorher unterzeichnet wurde und zum Ende des 2. Weltkrieges in Europa führte. Ein kurzer, 6 Punkte umfassender Text, der den Wahnsinn des 3. Reichs beendete.

KAPITULATIONSERKLAERUNG

1. Wir, die hier Unterzeichneten, handelnd in Vollmacht für und im Namen des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht, erklaeren hiermit die bedingungslose Kapitulation aller am gegenwaertigen Zeitpunkt unter deutschem Befehl stehenden oder von Deutschland beherrschten Streitkraefte auf dem Lande, auf der See und in der Luft gleichzeitig gegenueber dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditions-Streitkraefte und dem Oberkommando der Roten Armee.[14]

2. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzueglich allen Behoerden der deutschen Land-, See- und Luftstreitkraefte und allen von Deutschland beherrschten Streitkraeften den Befehl geben, die Kampfhandlungen um 23:01 Uhr Mitteleuropaeischer Zeit am 8. Mai einzustellen und in den Stellungen zu verbleiben, die sie an diesem Zeitpunkt innehaben und sich vollstaendig zu entwaffnen, indem sie Waffen und Geraete an die oertlichen Alliierten Befehlshaber beziehungsweise an die von den Alliierten Vertretern zu bestimmenden Offiziere abliefern. Kein Schiff, Boot oder Flugzeug irgendeiner Art darf versenkt werden, noch duerfen Schiffsruempfe, maschinelle Einrichtungen, Ausruestungsgegenstaende, Maschinen irgendwelcher Art, Waffen, Apparaturen, technische Gegenstaende, die Kriegszwecken im Allgemeinen dienlich sein koennen, beschaedigt werden.

3. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzueglich den zustaendigen Befehlshabern alle von dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditions Streitkraefte und Oberkommando der Roten Armee erlassenen zusaetzlichen Befehle weitergeben und deren Durchfuehrung sicherstellen.

4. Diese Kapitulationserklaerung ist ohne Praejudiz fuer irgendwelche an ihre Stelle tretenden allgemeinen Kapitulationsbestimmungen, die durch die Vereinten Nationen und in deren Namen Deutschland und der Deutschen Wehrmacht auferlegt werden moegen.

5. Falls das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht oder irgendwelche ihm unterstehenden oder von ihm beherrschte Streitkraefte es versaeumen sollten, sich gemaess den Bestimmungen dieser Kapitulations-Erklaerung zu verhalten, werden das Oberkommando der Roten Armee und der Oberste Befehlshaber der Alliierten Expeditions Streitkraefte alle diejenigen Straf- und anderen Massnahmen ergreifen, die sie als zweckmaessig erachten.

6. Diese Erklaerung ist in englischer, russischer und deutscher Sprache abgefasst. Allein massgebend sind die englische und die russische Fassung.


Unterzeichnet zu Berlin am 8. Mai 1945
gez. v. Friedeburg gez. Keitel gez. Stumpff
 für das Oberkommando der deutschen Wehrmacht

Am 01.09. letzten Jahres haben wir hier gestanden, und uns an den Beginn des Krieges, der da 75 Jahre zurücklag, erinnert. Hermann Bockelmann, der diese Zeit miterlebt hat, hat hier seine Erlebnisse geschildert und einen klaren Appel für Frieden ausgesprochen.

Heute stehen wir hier, um an das Ende des Krieges zu erinnern, das 70 Jahre zurückliegt.
Wenn man dies so zurückblickt, ist es eigentlich schwer zu verstehen, wie innerhalb von nichtmal 6 Jahren ein Großteil Europas in Schutt und Asche gelegt wurde und Millionen von Menschen als Soldat an der Front oder als Gefangene in KZs ihr Leben verloren haben.
Auch wenn in Europa dieser 2. Weltkrieg bereits am 08.05. endete, war er tatsächlich global gesehen erst mit der Kapitulation Japans am 02.09.1945 beendet.
Die Zahl der der Opfer lässt sich nur schätzen. Die Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen Kriegstoten. Für die durch direkte Kriegseinwirkung Getöteten werden meist zwischen 50 und 56 Millionen angegeben.
6 Jahre, in denen die Menschheit gezeigt hat, zu was sie alles fähig sein kann.
Es wurde zum ersten Mal der industrielle Massenmord an Menschen durchgeführt Massenvernichtungswaffen, wie die Atombombe, entwickelt und eingesetzt.

Es war der bisher größte militärische Konflikt in der Geschichte der Menschheit.

Das wir hier heute auf 70 Jahre Frieden in unserem europäischen Umfeld zurückblicken können, ist auch dem geschuldet, dass unsere Nachbarn dazu bereit waren und aus Erzfeinden Freunde werden konnten. Dies führte zu einem geeinten und friedlichen Europa und dies darf man bei aller Kritik an der europäischen Union, die zum Teil auch berechtigt sein mag, nie vergessen.
Auch sollten wir bei allen aktuellen Diskussionen, die derzeit über den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland geführt werden, nie vergessen, das auch viele Deutsche zu der Zeit Flüchtlinge waren und in anderen Ländern aufgenommen wurden und viele zum Ende des Krieges auch als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, geblieben sind und mit dafür gesorgt haben, dass wir hier heute so stehen können.
Heute erstarken vielerorts sogenannte Patrioten, die unser Abendland schützen wollen und gegen Ausländer, Andersdenkende und auch unser demokratisches System wettern.
Diese nutzen massiv soziale Medien und versuchen dort mehr oder weniger offenkundig rechte Thesen zum Mainstream zu machen. Es bleibt daher nach wie vor eine sehr wichtige Aufgabe, auch unsere Kinder für so etwas zu sensibilisieren und unsere Demokratie zu schützen, auch wenn es manchmal anstrengend ist.
Wenn ich zur Zeit sehe, dass Bürgermeister zurücktreten, weil sie von der rechten Szene bedroht werden, wenn Juso-Vorsitzende ihre eigene Todesanzeige in der Zeitung lesen, die von einer rechten Organisation unterzeichnet wurde oder wenn Rechte eine Maikundgebung stürmen und dort die Redner bedrohen und verletzen, dann macht mir das große Sorge.
Das, wozu die Rechten fähig sind, wenn sie an die Macht kommen, haben sie vor 70 Jahren gezeigt und ich finde, die dort entstandene Zerstörung und Vernichtung reicht für die Menschheitsgeschichte.

Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang die Geste zur Versöhnung von der Ausschwitz-Überlebenden Eva Kor beim derzeitigen Prozess in Lüneburg gegen den KZ Buchhalter. Auch wenn diese Geste viel kritisiert wurde, finde ich die Aussagen dazu bedenkenswert. Sie nennt sich nicht Opfer, sondern Überlebende und meint, das Hass nur weiteren Hass hervorruft und am eigenen Leben nichts ändert. Eine Versöhnung kann aber dazu beitragen, dass es besser wäre, über das Geschehene zu sprechen und somit dafür zu sorgen, dass dies sich nicht wiederholt. 

Meine Generation hat diesen Krieg nicht miterlebt und ich hoffe sehr, dass auch meine Kinder keinen Krieg miterleben müssen. Was ich dazu erzählen kann weiß ich auch Büchern, Filmen, Erzählungen und dem Internet.

Noch gibt es Zeitzeugen, die diese Zeit miterlebt haben und über das Erlebte berichten können.
Ich habe dazu auch einige gefragt, ob sie dazu bereit wären.
Es gab auf diese Anfrage auch die Reaktion, dass man dazu nichts sagen möchte und das Vergangene Ruhen lassen möchte.

Aber es gab auch spontane Zusagen.
Unser ehemaliger Bürgermeister Helmut Hinrichs wäre heute auch gerne hier gewesen, ist aber leider verhindert und lässt seine Grüße ausrichten. Er war zum Ende des Krieges 4 Jahre alt und hat mir eine Rede geschickt, die er anlässlich eines Volkstrauertags gehalten hat und in der er die Großmutter seiner Frau zitierte. Er schlug vor, dass dieses hier vorgelesen werden könne, was ich natürlich gerne mache.

"Und wie es zum Ende des 2. Weltkrieges hier in unmittelbarer Nähe im Ort Kirchhatten ausgesehen hat, hat Bäuerin Anni Brakhahn, die Großmutter meiner Frau, Ende April 1945 aufgeschrieben. Aus diesen Aufzeichnungen zitiere ich:  „ Unser Dorf Kirchhatten lag während der Kämpfe in Wildeshausen und Ahlhorn voll von unseren deutschen Truppen, obwohl in unserem Dorf schon sehr viele Flüchtlinge untergebracht waren. …… Am 22.04.45 (Sonntag) hieß es: Morgen früh ist der Feind in Hatten. … Montagmorgen um ½ 6 Uhr begann die Schießerei in unserem Dorf. …… 8 Tage dauerte der Kampf in Kirchhatten. ….. Neben vielen Toten sind viele Bauernhäuser abgebrannt: H. Barbrake, H. Müller, Wetjen, Bartels Scheune und Schweinestall, Hans Grashorn, Otto Stolle Schweinestall und Schuppen, Barkemyer und …. (insgesamt ca. 20 Bauernhäuser).“ Soweit die Großmutter meiner Frau im April 1945. Diese wenigen Aufzeichnungen machen deutlich, dass Krieg nicht irgendwo anonym stattgefunden hat sondern direkt auch vor unserer eigenen Haustür."
Von daher ist es notwendig, der Vergangenheit zu gedenken und aus den Fehlern zu lernen und nicht zu vergessen."

Den letzten Satz von Helmuts Rede kann ich nur unterstreichen und sagen, wie Recht er hat.
Heute konnte man, wenn man sich bei facebook umgeschaut hat, unter einigen Veröffentlichungen, z.B. der von Heiko Maas zu dem heutigen Tag Dinge lesen, wie:
" Wir wurden nie befreit, wir wurden besetzt - bis heute! Und in die Feindschaft treibt Ihr Regierenden uns mit Eurer grenzenlosen Asylpolitik die unseren Wohlstand, unseren Frieden und unseren Lebensraum gefährden."

" was vor 70 Jahren geschehen ist, hat mit der heutigen Zeit nichts mehr zu tun !!!!!!!! Es kann und darf nicht sein,das uns die Politik immer und immerzu die Geschichte vorhält!!!!!"

" Schuld? Meine nicht."

" Widerlich, es gibt wohl kein anderes Volk auf der Welt, welches seine Niederlage als "Befreiung" feiert, und auf den "Blutzoll" der Sieger verweist, ohne der eigenen Gefallenen zu gedenken."

Das ist meiner Meinung nach gefährlich und es ist unser aller Aufgabe, dem entgegenzutreten!